Bilder rahmen
Im Altenheim liegt Lin allein
Im Bett und ist ganz stumm
Die Hand schmiegt ein gerahmtes Bild,
Das Herz und Kopf mit Stille füllt.
Sie biegt die Finger krumm,
Umfühlt den kühlen Rahmen, klein
In ihrer großen Hand,
Wo Falten tiefe Gräben sind
Und Blut im Bächlein zaghaft rinnt,
Wie ein zerfurchtes Land
Den Rahmen schmückt ein golden Schild
Mit Namen eingraviert
‚Familie Kieper‘ schnörkelt Schrift
Als wär’s geschrieben mit ’nem Stift,
Weil Schwung die Linien ziert
Sie ist im Bilde von dem Bild
Erkennt sich selbst darauf
Nebst anderen Gesichtern, die
Mit anderen Geschichten, wie
Sie – damals noch – wohlauf
Doch Nebel schleicht sich wunderlich
Ins Leben, Jahr für Jahr
Verschleiert die Erinnerung
Zu Zeiten, wo sie immer jung
Und frei gewesen war
Schon die Gedanken unter sich
Verheddern und es klemmt
Die Augen trüb, als wären sie
Nicht ihre, ja wahrhaftig nie
Gewesen, sondern fremd
Die Menschen sind für sie so dünn
Auf diesem Glanzpapier
So dünn, dass jede Tiefe fehlt
Und nichts Geschichten noch erzählt,
Deswegen liegt sie hier
Ein Wort verliert so schnell den Sinn,
Als wär’ es arg verstaubt,
Man gräbt im Kopf und es ist fort
Denn Stück für Stück wird jeder Wort-
schatz mehr und mehr beraubt
Der Pfleger legt ja Wert darauf,
Dass keine Sorge plagt
Gibt Haltung, Hoffnung wann er kann
Doch wenn er gottverdammt sich dann
Ins Zimmer wieder wagt –
Laut quietscht der Türknauf auf,
Ganz leise geht er her –
Da sieht er eingerahmt das Bild
In alten Händen und das Schild
Ist ohne Namen leer
Es lauert ihm Bedauern pur
Es dauert – bis er’s klaut
Damit es dieser Frau – so alt –
Nicht quält, dass da was fehlt und bald
Die Dunkelheit ihr graut
Was bleibt ihm denn? Er hilft doch nur!
Es kommt eh keiner mehr
Als wäre sie auf dieser Welt
Alleine und bloß abgestellt
Und nicht von ungefähr
Der Pfleger legt nur etwas Stolz
Und Würde mit ins Boot
Damit Lin wenigstens vergisst,
Dass sie so alles g’rad vergisst,
Für einen schön’ren Tod
Der Rahmen ist aus altem Holz
Und hängt bald an der Wand
Samt Bild im Haus des Pflegers fein,
Soll neben all den And’ern sein
Die er in Händen fand


